Peter Müller

Dipl. Psychologe

Sozialpsychologischer Beirat der Schweizerischen Huntington Vereinigung

Reutlingerstr. 9a

8404 Winterthur

Mobile: +41 (79) 4107029

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Jahresbericht 2015

des sozialpsychologischen Beirates der Schweizerischen Huntington Vereinigung

 

Beim Durchblättern meiner Jahresberichte der vergangenen Jahre ist mir etwas aufgefallen:

Die Berichte thematisieren grossmehrheitlich negative Situationen.

Situationen welche verbessert werden sollten und unhaltbar sind. Über Leid, schwierige Lebensgestaltung für Betroffene und Angehörige, finanzielle Engpässe, belastete Familiensituationen, Kämpfe mit Behörden, Versicherungen, pflegenden und betreuenden Institutionen, Ängste, Not und Verzweiflung.

Die Verbesserung der Lebenssituation von Menschen mit einer Behinderung, namentlich von Menschen mit der Huntington Krankheit und ihren Angehörigen muss verbessert werden. Daran arbeitet die Huntington Vereinigung mit Energie, Kreativität und grossem ideellen Einsatz. In der Vergangenheit und auch in der Zukunft.

Jedoch:

Uns allen sind aus Fernsehen, Zeitungen und den social Medias die Bilder der Flüchtlingsströme aus dem Nahen Osten, den Maghreb Staaten und aus Afrika bekannt. Wir haben Bilder gesehen von ertrunkenen Kindern. Von schwangeren Frauen, von kranken und behinderten Menschen. Zum Teil im Rollstuhl.

Von ihren Angehörigen durch Minenfelder geschoben.

Von tausenden von Menschen in völlig überfüllten Flüchtlingslagern. Von Hunger Kälte und Krankheit gezeichnet. Mütter und Väter welche ihre Kinder und weitere Familienmitglieder durch unmenschliche Situation begleiten, stützen, pflegen und betreuen.

Unter diesen momentan 13 Millionen Flüchtlingen sind, rein statistisch gesehen, bestimmt auch Hunderte von Menschen welche unter der Huntington Krankheit leiden.

Was passiert mit ihnen?

Wir, in der Schweiz haben die Invalidenversicherung, wir haben Ergänzungsleistungen, Dutzende von sozialen Institutionen welche sich unseren behinderten Menschen annehmen. Wir haben Auffangsnetze finanzieller, sozialer und psychologischer Art, Beratungsstellen für Hilfsmittel, Eingliederungsangebote und vergleichsweise wunderbar funktionierende Heime in welchen unsere Huntington Kranke empathisch, fürsorgend und medizinisch hochstehende betreut, begleitet und umsorgt werden.

Wie würde wohl ein Huntington Kranker in einem Flüchtlingslager irgendwo in der Türkei oder in Mazedonien reagieren wenn er erführe wie das Leben eines behinderten Menschen in der Schweiz gestaltet werden kann?

Er würde sich im Paradies wähnen.

Es ist auch mir klar: Ansprüche welche Menschen an ihre Lebensqualität stellen ist abhängig von der kulturellen Sozialisation, von den Standards welche in der Heimat gelten. Das Ausmass des Leidens richtet sich nach dem was man als Verlust erlebt im Vergleich zu seiner Umgebung.

Trotzdem: stellen wir doch einfach mal fest und anerkennen, dass wir alle, auch Menschen mit einer Behinderung in der Schweiz in einem Land leben dürfen mit medizinischer, sozialer und psychologischen Betreuung um welche uns Hunderte von Huntington Kranken auf der Flucht und in den Flüchtlingslagern beneiden.

Vielleicht ist sogar der Ausdruck Demut angebracht.

Nichtsdestotrotz, auch ich werde mich im Jahre 2016 wiederum voll engagieren um vor Ort, in der Schweiz möglich zu machen was möglich ist, meine Energie und Motivation fruchtbar zu machen für unsere Kranken, Risikopersonen und Angehörigen.

Ich danke unserem Präsidenten und dem Vorstand herzlich für die allgegenwärtige Unterstützung meiner Arbeit und allen Menschen welche ich beraten und begleiten durfte für ihr Vertrauen und wünsche ihnen weiterhin Zuversicht und guten Mut.

Peter Müller

sozialpsychologischer Beirat der

Schweizerischen Huntington Vereinigung

Winterthur, Januar 2016