Peter Müller

Dipl. Psychologe

Sozialpsychologischer Beirat der Schweizerischen Huntington Vereinigung

Reutlingerstr. 9a

8404 Winterthur

Mobile: +41 (79) 4107029

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Jahresbericht 2016 
des sozialpsychologischen Beirates der 
Schweizerischen Huntington Vereinigung

Liebe Huntington Familie,

kürzlich habe ich das Theaterstück „Terror“ von Ferdinand von Schirach gesehen. Es gibt auch eine Filmversion welche am Fernsehen lief.

Die Story: 
Terroristen kapern auf dem Flug von Berlin nach München eine mit 134 Menschen besetzte Lufthansa Maschine und drohen, sie in München auf ein mit 70000 Menschen gefülltes Fussballstadion abstürzen zu lassen.
Von der obersten Regierungsspitze kommt der Befehl, die Maschine nicht abzuschiessen. Ein Major, Kampfpilot eines Jets welche die Lufthansa Maschine zur Landung zwingen soll, widersetzt sich dem Befehl und schiesst im letzten noch möglichen Augenblick die Maschine ab. 
134 Menschen sterben. 70000 werden gerettet. Ist der Pilot ein Mörder oder ein Lebensretter? Ist er schuldig oder unschuldig?

Im Kern der Situation geht es um die Würde des Menschen. 
Ist die Menschenwürde relativ und verhandelbar wenn es um Zahlen geht? Darf die Menschenwürde angetastet werden, wenn es sich „nur“ um 134 Menschenleben handelt?

Dieses Theatererlebnis hat mich angeregt zu überlegen, wie es sich nun mit der Menschenwürde bei einem Huntington Patienten verhält.

Die Frage nach der Menschenwürde in ihrer Gesamtheit ist sehr weitläufig. Es sind damit, Philosophien, Begriffe und Gedanken verbunden die bis in die Zeit vor unserer Geburt reichen und bis in eine vorhandene oder nicht vorhandene Ewigkeit nach unserem Tod.
Ich versuche, ein paar Inhalte von Menschenwürde näher zu beleuchten welche Huntington Patienten und ihre Angehörige im hier und jetzt, in unserer menschlichen Gegenwart betreffen.

Diese sind vorwiegend:

  • Das Recht auf das eigene Sterben
  • kein Demütigungen oder demütigende Behandlung erleiden zu müssen
  • medizinische Versorgung
  • Sicherung der materiellen Existenz

Das Recht auf das eigene Sterben impliziert einen Konflikt zwischen der Menschenwürde und der Verpflichtung des Arztes, Leben zu retten und zu erhalten. Einmal mehr sei deshalb an dieser Stelle auf das Ausfertigen einer Patientenverfügung hingewiesen. Mit diesem Dokument wird die eigene Würde unter allen Umständen aufrecht gehalten und ein Weiterleben oder ein Sterben erfolgt auf der Grundlage des eigenen Willens und der eigenen Überzeugung, was in welcher Situation das für mich richtige sein soll.
Es ist eine fragwürdige Zumutung an die Verwandten und Angehörigen dereinst mutmassen zu müssen, was der Wille des erkrankten Menschen sein könnte wenn dieser nicht mehr in der Lage ist, sich zu artikulieren oder auf eine andere Art und Weise seinen Willen kund zu tun.
Wenn keine rechtliche Grundlage in Form einer Patientenverfügung vorliegt werden möglicherweise von dritter Seite Entscheidungen gefällt, vielleicht gefällt werden müssen, welche dem Willen des Patienten möglicherweise nicht entsprechen und Aspekte welche er persönlich als seine Menschenwürde erachtet, missachten müssen.

Der Aspekt der Demütigung betrifft sowohl pflegende Einrichtungen als auch Angehörige. Aus Erfahrung kann festgestellt werden dass auf diesem Gebiete in den letzten Jahren oder Jahrzehnten grosse Fortschritte gemacht wurden. Das Pflegepersonal ist im Allgemeinen auf dieses Thema hochsensibilisiert. Da jedoch auch Pflegeleistungen nur von Menschen erbracht werden plädiere ich auch für Verständnis wenn in einem absoluten Ausnahmefall mal ein rauerer Ton herausrutscht.

Das Recht auf medizinische Behandlung gehört zur Menschenwürde. Nebst diesem Recht für Schweizerinnen und Schweizer spreche ich wieder einmal unsere Flüchtlinge an. Ein Flüchtling welcher an der Huntington- oder irgendeiner anderen Krankheit leidet hat ein Recht auf medizinische Behandlung. Auf der Grundlage unserer Gesetze welche wiederum auf der Grundlage der Menschenwürde geschaffen wurden.

Das Recht auf materielle Existenz greift in die Versicherungs- und Fürsorgeverpflichtungen des Staates ein.
Menschenwürde kann nur gelebt werden wenn unsere materiellen Notwendigkeiten befriedigt werden. Es ist gut zu wissen, dass wir uns gegenüber entsprechenden Institutionen auch in dieser Hinsicht auf die Menschenwürde berufen dürfen.

Das vergangene Jahr brachte wiederum zahlreiche Beratungen von direkt Betroffenen, ihren Angehörigen, für Pflegepersonal und an staatlichen Institutionen.
Ich freue mich sehr diese Arbeit ausführen zu dürfen und damit einen kleinen Beitrag zu leisten die „Huntington Welt“ vielleicht positiv zu ergänzen.

Den Mitgliedern des Vorstandes und meinen KollegInnen vom Beirat, allen voran unserem Präsidenten Walter Bucher, danke ich ganz herzlich für Unterstützung und immer wieder bereichernde Gespräche.

Peter Müller, dipl. Psych.
Sozialpsychologischer Beirat der SHV

Winterthur, Februar 2017